PERSONAL: Social Pressure

Ich öffne Instagram und sehe als allererstes die unfassbaren Frühstücks-, Mittags- und Abendessensfotos meiner Bekannten, die zum Umfallen schön sind (schaut mal bei @issys_happiness vorbei, es lohnt sich). Ich blicke auf meine unfotogene Tupperschüssel, gefüllt mit schmodderigem Schoko-Chia-Pudding, der so gar nicht #foodinspo ist. Aber er schmeckt. Das beruhigt mich ein wenig. Und wenigstens ist es Chia – #healthybreakfast.

Ich scrolle weiter. Unsere deutschen Instagram-Millionäre posten zum hundertsten Mal hintereinander ein Foto vom Sonnenuntergang am Strand oder in einer Traumstadt. Es ist nicht irgendein Sonnenuntergang, sondern #pinksky #natureisbeautiful und obwohl ich weiß, dass die Fotos bis aufs letzte gephotoshopped sind und die Mädels gekünstelt an eine Wand starren (damit #hairsinspo am Start ist), denkt man doch einen Moment ‚Oh, wie schön!‘.

Auf den nächsten fünf Bildern laufen Mädels mit ihren Designertaschen lässig über die Straßen der Welt und sehen makellos aus #chanellover #chloegirls #designerbag. Obwohl ich inzwischen weiß, wie schnell ebenjene Mädels die Designertaschen durch Affiliate wieder drin haben und sich damit quasi am laufenden Band refinanzieren und dadurch unverhältnismäßig viele Designertaschenkäufe drin sind, komme ich nicht umher zu denken ‚Ich hätte auch gern ein paar mehr schicke Taschen!‘.

Das nächste Bild zeigt meine Lieblingsbloggerin, die in ihren Drei-Tages-Trip in L.A. einen Lauf auf den Runyon Canyon eingebaut hat #sporty #runyon #WeHo. Ich vermerke mir L.A. auf meinem Reise-Wunschzettel, beschließe, heute Mittag Sport zu machen und scrolle weiter zum nächsten Foto. Es ist ein perfektes #flatlay von einem #whatsinmybag. Ich lege das Handy weg und atme durch.


Eine gefühlte Ewigkeit ist es her, dass ich einen Blogpost geschrieben habe – und noch länger, seit ich vor der Kamera stand, um Outfitfotos für euch zu schießen. In Tel Aviv war es das letzte Mal, um genau zu sein. Lange her. Viel zu lange! Auf Social Media sieht es genau so mau aus. Keine neuen Fotos, keine Instagraminspirationen. Woran das liegt? Ich wusste es erst selbst nicht, dachte einfach, ich gönne mir eben die Pausen, die ich brauche. An Outfitinspiration und Kleiderschrankinhalt mangelt es mir definitiv nicht. Aber was ist dann los?

Ich verspüre Druck. Und weil ich über das Thema derzeit von vielen meiner Lieblingsblogger lese und mich deswegen verstanden fühle, möchte ich es auch mit euch teilen. Täglich scrolle ich durch meine Lieblingsplattform Instagram, denn sind wir mal ehrlich: sie ist wunderbar. So viel #inspo, dass man gerne durch die Fotos schaut und sich ausmalt, wie man all das schöne jetzt in seinen Alltag integriert. Aber ganz so leicht ist es dann eben doch nicht.

Es ist kein Neid, der aus mir spricht, wenn ich die Fotos der Mädels wie oben beschrieben durchschaue. Es ist kein ‚Warum hat sie das und ich nicht?‘, sondern eher ein ‚Ich will auch!‘. FOMO (=Fear of Missing Out) ist ein ernstes Thema und obwohl ich mich vor zwei Jahren zunächst unbewusst und später bewusst gegen die Selbstständigkeit als Blogger entschieden und meinen Vollzeitjob als Angestellte weiter behalten habe, sind es genau diese selbstständigen Weltenbummler, an denen man den eigenen Lifestyle misst.

Und das geht auf Dauer nicht gut, denn es ist gar nicht möglich. Statt morgens um 9 Uhr gemütlich meine Selbstständigkeit am heimischen Schreibtisch anzutreten, nachdem ich ausgiebig gefrühstückt habe, ist nicht drin. Um 9 Uhr habe ich bereits drei Stunden im Büro gearbeitet – wann ich dann aufstehe, könnt ihr euch entsprechend selbst ausrechnen. Ich bin schon stolz, wenn ich mir überhaupt ein paar Chia-Samen mit Milch mixen kann und nicht auf die Butterbrezel aus der Kantine zurückgreifen muss.

Die Festanstellung sorgt für begrenzte Urlaubstage und entsprechend auch für begrenzte Möglichkeiten, die schönen Orte dieser Welt zu bereisen. Ein Freund mit Kind und viele gemeinsame Aktivitäten sorgen dafür, dass heute öfter als noch vor zwei Jahren der Laptop geschlossen bleibt und das Wochenende keine Zeit mehr für neue Fotos zulässt. Es war eine bewusste Entscheidung, weniger Zeit vor dem Laptop zu verbringen und doch ist es eine Entscheidung an mir nagt.

Ich habe keine Zeit, perfekt zu sein. Keine Zeit, perfekte Instagram-Fotos vorzubereiten. Keine Zeit, überall zu snappen. Bin damit beschäftigt, das Event zu erleben, anstatt es durch die Kamera zu verfolgen. Aber nicht nur die Zeit ist ein Grund für meine Abwesenheit. Obwohl ich es besser weiß, obwohl ich weiß, dass die Welt der sozialen Medien eine gestellte Welt ist, scheinen mir meine Inhalte nicht gut genug. Nicht inszeniert genug. Habe Angst, dass meine paar zugenommenen Kilos nicht unerkannt bleiben und ich nicht #instafit bin.

Das alles ist krank. Aber der soziale Druck, ein perfektes Lebens zu haben zu inszenieren, ist mir momentan einfach zu anstrengend. Manchmal spiele ich das Spiel mit, aber manchmal, so wie jetzt, ist mir der Zirkus zu bunt. Dann setze ich mich zurück, bestaune die Fotos der Instagram-Mädels und warte darauf, dass mein Abstand zum eigenen Posten dazu verhilft, wieder die Lust zu finden, ein Zirkusclown zu sein. Wozu das Gedankenwirrwarr? Ihr sollt wissen, dass ich nicht weg bin. Ich ruhe mich nur aus.

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14 Kommentare

  1. Eva
    Mai 31, 2017 / 7:29 am

    Liebe Lena,
    Erst gestern hab ich mir überlegt, wann denn dein letzter Post war. So kurz vor meinem Urlaub (Schulferien=“oft“, aber termingebunden) hatte ich mich nach Inspirationen gesehnt und zwar realistische, meinem Alltag nahe. Die bekomm ich auf den Blogs immer seltener und auf Insta sowieso nicht. Auch als nicht-Bloggerin nagt dort oft der „Neid?“ an mir und ich kann dich sehr gut verstehen. Ich kann dir aber nur sagen, dass du eine der wenigen bist, der man glaubt, was sie schreibt und zeigt und die normalen Zweifel, up&downs – das Leben eben – zeigt (ohne ständiges Gejammer oder das andere Extrem). Für mich zumindest ist das, was ich ich mir von Blogs erhoffe. Und deine Outfits kann ich mir dann auch nachkaufen (außer deine Chloé 😉 )
    Do it your way!
    Liebste Grüße aus Stuttgart
    Eva

  2. Mai 31, 2017 / 8:16 am

    Kann ich vollkommen nachvollziehen! Manchmal hat man einfach gerade keine Lust da mitzumachen und bevor man irgendetwas halbherzig macht, weil es von einem erwartet wird, ist eine Pause vernünftiger 🙂

  3. Mai 31, 2017 / 8:18 am

    Ein wirklich toll geschriebener Text liebe Lena und ich verstehe genau was du meinst – mir geht es in vielen Belangen gleich wie dir. Nimm dir die Zeit dich auszuruhen und wenn du wieder Lust hast dazu, dann wird es sich auch wieder richtig anfühlen <3

    Alles Liebe, Sonja
    http://www.littlewhitepages.wordpress.com

  4. Jana
    Mai 31, 2017 / 9:27 am

    Großartiger Artikel!
    Danke, liebe Leonie, dass du es aussprichst. Mir (als Nicht-Blogger/Influencer/Instagrammer) geht diese gesamte Inszenierung langsam gewaltig auf den Keks. Die Instafeeds der einzelnen Größen der Kanäle sehen mittlerweile alle gleich aus, Sonnenuntergänge, Chloe, Frühstückflatlay, #irgendeineStadt, #ichbinsobusy. Früher habe ich täglich gefühlt hunderte Male geguckt, ob einer der gefolgten Accounts ein neues schönes Bild gepostet hat, mittlerweile schaue ich kaum noch rein und bin dem Großteil entfolgt. Lieber schaue ich mir Accounts an, die nicht jeden Tag 10 neue Bilder posten, aber wenn, dann sind es sehr schöne und vor allem reale Bilder und man merkt, das Liebe und Leidenschaft hinter den Bildern steckt.

  5. Mai 31, 2017 / 9:34 am

    Hey Lena,
    ziemlich bewegende Worte, die ich gut nachvollziehen kann.
    Ich hatte früher auch mal eine viel besuchte Internetseite, zeitweise sogar mit einem 15-köpfigen Team dahinter und habe mich vor 6-7 Jahren aktiv dafür entschieden diese in andere Hände abzugeben. Mir wurde das damals auch alles zu viel und ich hatte jedes Mal ein schlechtes Gewissen, wenn ich das Wochenende, an dem ich mal nicht gearbeitet habe, nicht damit verbracht hatte etwas für die Webseite zu tun. Dieses Gefühl wollte ich irgendwann los werden und meine Freizeit lieber genießen.
    In der Zwischenzeit hatte ich einen kleinen Blog bei Blogger, auf dem ich nur geschrieben habe, wenn ich Zeit und Lust hatte. Genau das richtige für mich! Aber auch davon habe ich mir bis zu diesem Monat eine fast einjährige Pause gegönnt und starte nun voller Elan und mit WordPress zurück.

    Was ich damit sagen möchte: Die Welt dreht sich nicht darum über sie zu schreiben, sondern sie zu erleben und zu spüren. Du hast viele schöne Dinge in deinem Leben, die es auch wert sind, sie ohne schlechtes Gewissen genießen zu können. Und dann wirst du sehen – die Lust darüber zu schreiben, kommt wieder von ganz alleine. Gönne dir daher die Pausen, du hast sie dir verdient!

  6. Dani
    Mai 31, 2017 / 1:41 pm

    Hey Lena, geniesse deine Pausen und ein Privatleben 🙂
    ich freue mich dann wieder auf deine Collagen, die für mich nach wie vor Nr.1 an Inspiration sind.
    Viele Grüsse, D.

  7. Huyen
    Juni 1, 2017 / 9:14 pm

    Das ist ein wirklich guter Blogpost!
    Gerade weil du nicht 100% „Insta-Perfect“ bist, sondern ein echter Mensch mit Höhen & Tiefen (z.B. auch mal über privates wie deinen Umzug oder deine „Schwächen“ schreibst), folge und lese ich deine Beiträge so gerne!

  8. da Kolleg
    Juni 1, 2017 / 9:19 pm

    Hallo Lena,
    bleib so wie Du bist!
    Und wenn da jemand ein paar Maßeinheiten an Gewicht bemerkt, na und!
    Ein Spiegel oder ein Blick zum eigenen Partner sollte da meistens Ernüchterung schaffen.
    Das reale Leben ist eben nicht GNTM.
    Grüße aus HD

  9. Juni 2, 2017 / 7:07 am

    Hey 🙂

    ich habe meinen Blog vor langer Zeit aufgegeben, davon mal ab, dass ich damals schon gefragt habe, wie jemand neben seinem normalem Job regelmäßig traumhafte Bilder machen kann.
    Ich musste für mich beschließen, dass es einfacher ist, nicht in diese Welt einzusteigen. Ich habe einen sicheren 41-Stunden Job, dazu noch einen Nebenjob, den ich eigentlich nicht zwingend bräuchte, der mir aber seit Jahren tierisch Spaß macht. Also manchmal eben nochmal 8 Stunden die Woche mehr oder auch mal gar nicht. Dann gehe ich nebenbei auch noch 4 feste Tage zum Sport so 1,5-2 Stunden und irgendwann muss auch mal der Haushalt erledigt werden oder noch wichtiger – Zeit für Freunde, Freund und Familie. Und natürlich sich selbst (abgesehen der Zeit für Sport…)
    Im Sommer hat man dann bestimmt mal Zeit für hübsche, perfekte Bilder – es ist lange hell, auch das Licht in unserer Wohnung war akzeptabel. Im Winter hingegen ist unsere Dachgeschosswohnung immer zu dunkel gewesen und wenn es die Zeit hergab, war es schon dunkel.

    Also habe ich mich bewusst dafür entschieden, einfach nur noch Instagram zu machen und wenn ich Zeit und Lust habe, eben ein tolles Bild zu posten. Und wenn nicht? Dann gibt es eben mal #reallife zu sehen…
    Für mich die sicherste Entscheidung – einen festen Job aufzugeben für diese Schiene kam für mich nie in Frage, da ich erstens nie eine große Plattform aufgebaut habe und zweitens glaube ich, dass die Zeit irgendwann vorbei ist, wo man damit richtig gut leben kann. Es macht halt schon jeder 3. und irgendwann ist die Nachfrage vielleicht nicht mehr da…

    Gönn dir die Pause 🙂 Das Leben hat so viel mehr zu bieten 🙂

  10. Juni 7, 2017 / 5:11 pm

    Liebe Lena,
    danke für diesen ehrlichen Blogpost. Ich kann mir gut vorstellen, wie sich so ein Leben in der Öffentlichkeit anfühlen muss. Aber auch ich will dir sagen, dass ich dich als absolut authentische Bloggerin erlebe und dir jede deiner Zeilen glaube. Also mach weiter dein Ding und lass dich nicht unter Druck setzen!
    Viele liebe Grüße
    Laura von HoseOnline.de

  11. Juni 11, 2017 / 11:14 pm

    Ich kann alles super gut nachvollziehen! Diesen Druck habe ich auch schon öfter gespürt und deswegen auch selbst seit Ewigkeiten nichts mehr auf Instagram gepostet. Habe sogar schon überlegt die App einfach komplett zu deinstallieren, auch wenn es noch soooo viele kleine, realistische und super schöne Accounts gibt! Aber mir ist irgendwie die Lust daran vergangen und ich gucke kaum noch rein

    Liebe Grüße,
    Eleonora my personal lifestyle blog

  12. Juni 25, 2017 / 4:03 pm

    Liebe Lena,

    du sprichst mir aus der Seele. Mein Blog befasst sich zwar nicht mit Outfit-Posts, sondern mit Rezepten und Handarbeiten, aber auch ich verspüre einen gewissen Druck, wenn ich auf meinen Lieblingsblogs immer diese perfekten Fotos sehe, für die ich selbst gerade nicht die Ruhe finde.
    Trotzdem versuche ich gerade jetzt, auch immer wieder einmal etwas zu posten und neue Rezepte auszuprobieren, auch mit unperfekten Fotos, denn ich merke, dass es mir eigentlich gut tut, wenn dann ein neues Posting online geht.

    Ich freue mich darauf, wenn auch du wieder zu deiner alten Kraft zurückfindest!

    Liebe Grüße, Sanne

  13. Juni 28, 2017 / 1:03 pm

    Ich kann deine Gedanken nur zu gut nachempfinden!
    Mir geht es ganz genauso und das, obwohl ich noch gar nicht so lange in der Blogge-Welt unterwegs bin. Dieses perfekte, inszenierte Internetleben begegnet einem einfach täglich immer und überall. Manchmal ärgere ich mich über mich selbst, wenn ich mir bewusst werde, dass ich Angst habe, das Leben an sich zu verpassen, weil ich eben nicht so ein cooles Lifestyle-Leben führe. Aber das ist nicht gut, weil man sich so nur unnötig unter Druck setzt.
    Vielen Dank für deinen ehrlichen Post! Lass dich nicht stressen und mach dein Ding, das ist tausendmal besser, als sich auf der Jagd nach dem perfekten Foto zu verbiegen.

    Liebe Grüße,
    Anke | tagtraum-tintenflug.blogspot.de

  14. Juli 13, 2017 / 1:22 pm

    Inszeniert – das trifft es wohl bei den meisten voll und ganz! Ich mag deinen IG Account und deinen Blog, weil er für mich wunderschön und trotzden authentisch rüber kommt.

    Liebe Grüße,

    Nina von 30rockt!!!

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