PERSONAL: Partners With Kids

Als ich mit meinem Freund auf dem ersten Date war, rannten Kinder an unserem Essenstisch vorbei. Ich kann mich nicht mehr wirklich dran erinnern, aber ich muss einen Kommentar gebracht haben, der mich nicht unbedingt als kinderfreundlich darstellte. Zumindest traute sich mein Freund damals als Folge meines Kommentars nicht, mir mitzuteilen, dass er bereits Papa ist. Das erfuhr ich später über drei Ecken und war entsprechend erstmal etwas schockiert – er hatte es mir nicht gesagt, ich lerne ja sowieso nur voreingenommene Männer kennen und überhaupt: ein Partner mit Kind? Soll ich mich da überhaupt drauf einlassen?

Wie ihr inzwischen wisst: Ich habe es getan. Weil ich mir zu dem Thema aber immer wieder Gedanken mache und ich sicherlich nicht die einzige bin, die in dieser Situation steckt – schließlich nimmt die Anzahl an Patchwork-Familien stetig zu und das hat auch seine Gründe! – gibt es heute einen persönlichen Gedankenpost. Wie ist das denn so, wenn man einen Partner mit Kind hat? Worauf kann man achten und was kann man alles falsch – und richtig – machen? Die äußeren Umstände sind erstmal zweitrangig – wie, wann und alles weitere, was das Kind betrifft, sind privat und sollen es auch bleiben. Fakt ist, dass der Sohnemann meines Freundes zum Zeitpunkt unseres Kennenlernens sieben Jahre alt war, inzwischen ist er acht.

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Das Kennenlernen

Es war damals völlig random und ohne klare Hintergedanken entschieden worden, aber im Nachhinein waren die Umstände unseres Kennenlernens (wir nennen den Sohnemann einfach mal Junior, das macht es leichter) wunderbar gewählt. Es war Dezember und wir sind alle gemeinsam auf den Weihnachtsmarkt gegangen. Bedeutet: es war ein neutrales Umfeld. Keiner war in seinem bekannten Umfeld, ich war kein „Eindringling“ im Zuhause, das Kennenlernen stand nicht im Mittelpunkt. Es ging mehr um den Weihnachtsmarkt. Junior hat mich anfangs etwas beäugt, ist aber brav hinter mir hergestapft und hat sich grundsätzlich sehr offen verhalten. Er ist mir von Anfang an sehr freundlich und ohne Angst und Abwehr gegenübergetreten, was die Situation für mich umso leichter gemacht hat. Das ist nicht selbstverständlich und hat mich umso mehr gefreut.

Die Aktivität, die das Eis aber dann schlussendlich gebrochen hat, was das Schlittschuhlaufen. Wir sind alle gemeinsam auf die Eisbahn und gerade mit Kindern, die noch recht wackelig auf den Beinen sind, ist Körperkontakt unvermeidbar. Es lief bei uns alles sehr natürlich ab – wir sind alle gemeinsam gefahren, dann Junior mit Papa alleine, schließlich Junior und ich alleine. Es hat keine zwei Meter gedauert, bis die kleine Kinderhand bei mir Halt gesucht hat. Wir haben uns immer wieder abgewechselt und es war mir wichtig, die beiden auch alleine fahren zu lassen und ab und an Abstand zu halten. Ich wollte keine Hühnerglucke sein, die von der ersten Sekunde an über ihm schwebt. Ich wollte nicht überpräsent sein, aber trotzdem in der Nähe.

Diese Art des Kennenlernens kann ich allen nur raten. Unternehmt etwas Unabhängiges, etwas außerhalb der vier Wände. Geht Bowling spielen, Schlittschuhlaufen, Boot fahren – irgendetwas, das in einem neutralen Umfeld stattfindet. Vielleicht auch etwas, das die Kinder gut können, denn vor neuen Leuten möchte man nicht schlecht dastehen. Ich fand es wichtig, trotz frischen Pärchens vor dem Kind nicht die ganze Zeit zusammenzukleben. Ich wollte nicht als die Person wahrgenommen werden, die den Papa wegnimmt. Und das hat ganz wunderbar geklappt, denn am nächsten Tag sollte ich direkt mit auf das Fußballspiel.

Die ersten Wochen

In der ersten Zeit, die nach unserem Kennenlernen folgte, wollte ich immer etwas anderes machen. Eine Aktivität, bei der wir gemeinsam etwas gestalten oder machen. Die Weihnachtszeit ist dafür super geeignet, denn es gibt unglaublich viele Aktivitäten, die man mit Kindern machen kann. Aber auch zu jeder anderen Jahreszeit findet man mit ein bisschen Hirnschmalz etwas, was man machen kann. Bei unserem zweiten Treffen habe ich mir Junior geschnappt und mit ihm zusammen Plätzchen gebacken. Wichtig fand ich wieder, dass es nicht zu viel Zeit in Anspruch nimmt und nicht ewig dauert, weswegen ich den Teig schon vorbereitet hatte. So haben wir also alle gemeinsam Teig ausgerollt und wie wild ausgestochen. Ich habe meinen kompletten Dekorationsvorrat mitgebracht und die fertigen Plätzchen wurden dann gemeinsam verziert und anschließend auch verspeist. Mein Herz ist geschmolzen, als Junior mit dem Dekorationsstift Lena auf ein Plätzchenherz schrieb.

Ich fand es besonders Anfangs wichtig, dass immer etwas zusammen unternommen wird. Das Kind weiß dann, dass etwas unternommen wird und der Elternteil auch dabei ist und gemeinsame Aktivitäten stärken das Vertrauen. Das hält bei uns bis heute an – Aussagen vom Papa werden bei mir verifiziert, ich werde immer und jederzeit gefragt, ob ich mitspielen möchte. Ist der Papa mal nicht im Raum, bekomme ich oft auch als erstes Geschichten aus der Schule oder vom letzten Kindergeburtstag erzählt. Das macht mich sehr stolz, denn es zeigt, dass wir eine gute Verbindung und eine Vertrauensbasis haben.

Die Schwierigkeiten

Nicht jedes Kind ist wie Junior und bringt von Anfang an so viel Vertrauen und Offenheit mit. Es gibt sicherlich Kinder, die mit der Situation nicht klarkommen oder klarkommen wollen. Die Widerworte bringen und vielleicht sogar zornig sind. Ich glaube, dass gerade dann die Aktivitäten wie oben das Verhältnis stärken können. Als Erwachsener muss man hier vielleicht auch sehr zurückstecken und mehr Freiräume für das Kind und seinen Elternteil bieten.

Kinder lernen schnell, sind aufmerksam und sicherlich auch sehr empfindlich. Es darf auf keinen Fall der Eindruck entstehen, dass das Kind aufgrund des neuen Partners zurückstecken muss. Das bedeutet aber auch nicht, dass das Kind alle Freiräume haben darf, sich in Gespräche oder Taten einzudrängen. Wichtig ist vor allem, dass das Kind sich nicht vernachlässigt fühlt, bei allen Aktivitäten dabei ist und trotzdem nicht erdrückt wird.

Die Schwierigkeit liegt – insbesondere, wenn das Verhältnis zum Kind nicht sonderlich gut ist – darin, die Unveränderbarkeit der Situation zu akzeptieren. Das Kind wird immer da sein und das Kind wird immer Vorrang haben. Das nicht nur zu verstehen, sondern auch zu akzeptieren und umzusetzen ist ausschlaggebend. Man muss lernen, zurückzustecken und Freiräume zu geben – was insbesondere am Anfang schwierig sein kann.

Wichtig finde ich auch, niemals vor dem Kind schlecht über den anderen Elternteil zu sprechen. Offensichtlich hat die Beziehung zur Mutter (oder zum Vater, je nachdem) mit dem eigenen Partner nicht geklappt. Trotzdem gibt es ein Kind und ein Kind verbindet den Partner mit der Mutter des Kindes ein Leben lang. Offensichtlich ging die Beziehung in die Brüche und es gibt nicht immer nette Worte zu sagen. Ich persönlich finde es unglaublich wichtig, dass das Kind davon nichts mitbekommt. Junior lebt die ganze Woche bei seiner Mutter und ich finde es daher mehr als daneben, wenn ein schlechtes Wort verloren werden würde. Das heißt nicht, dass man mit allem einverstanden ist – aber das darf nicht euer Problem sein.

Die Erziehungsfragen

Das ist für mich der schwierigste Punkt am ganzen Freundin-des-Kindesvaters-Sein. Die Erziehung. Jeder von uns genießt eine andere Erziehung und hat entsprechend auch andere Vorstellungen, wie Kinder zu erziehen sind, was erlaubt und was nicht erlaubt ist und vor allem, wo die Grenzen sind. Ich befinde mich bei diesem Thema ständig in einem Lernprozess, denn ich muss mir immer wieder vorhalten: Es ist nicht mein Kind.

Wäre Junior die ganze Woche bei uns, würde ich andere Absprachen treffen, aber da er bis auf Ferien-Ausnahmen nur einen Wochenendtag pro Woche bei uns ist, übergebe ich die Erziehungsgeschichte vollkommen meinem Freund. Auch wenn es mir sehr schwer fällt – und das gebe ich gerne ehrlich zu – versuche ich, mich so wenig einzumischen wie möglich. Ich versuche die Grenze bei allem zu ziehen, was mich nicht betrifft. Liegen seine Sachen in der Wohnung, hat der die Zahnpasta im Waschbecken verteilt oder lässt seinen Teller stehen, schalte ich mich ein.

Ich versuche mich dabei in Ton und Wortwahl meinem Freund anzupassen, aber bin ebenso bestimmt. Denn es ist auch meine Wohnung, in der ich lebe. An grundsätzlichen Diskussionen, kindlichen Bockigkeiten, sowie schulischen Fragen oder wann Junior ins Bett geht und vor allem wie protestlos, das beeinflusst mich nicht und daher versuche ich, nichts dazu zu sagen oder beizutragen.

Ich finde die Abgrenzung unheimlich schwierig, denn wie das so schön ist: Man weiß es immer besser und würde es immer anders machen. Der Umgang mit erzieherischen Fragen und das bewusste Herausnehmen der eigenen Person aus der Situation muss gelernt werden und ich glaube kaum, dass jemand ihn von Anfang an beherrscht.

Ich scheine meinen Job aber ganz gut zu machen – denn der Junior hört auf mich, wenn ich ihn um Gefallen bitte oder ihn in Haushaltsaufgaben mit einbeziehe (hier funktioniert sein Gehör manchmal erst beim zweiten Anlauf, aber so sind die Männer eben), er tanzt mir nicht auf der Nase herum und scheint Respekt vor mir zu haben. Solange das der Fall ist, bin ich glücklich. Im Falle eines Falles verlasse ich einfach den Raum, wenn die beiden diskutieren. Das ist gut für unser aller Seelenfrieden.

Mein Fazit

Ich bin froh, dass ich mich vom Partner mit Kind nicht habe abschrecken lassen. Obwohl mein erster Impuls damals doch war, erstmal weglaufen zu wollen. Der Junior ist eine Bereicherung und ich habe viel über mich gelernt. Es ist natürlich eine Extremsituation, in die man meist ‚einfach so‘ reingeworfen wird. Man weiß nie, wie es ausgeht – weswegen man umso mehr über den eigenen Charakter lernt und sich entwickelt.

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12 Kommentare

  1. Lisa
    November 17, 2016 / 8:00 pm

    Liebe Lena,
    obwohl mich das Thema nicht betrifft, finde ich es sehr spannend von deiner persönlichen Erfahrung zu lesen. Ich finde deinen Ansatz super und wünsche euch, dass es weiterhin funktioniert 🙂

    Liebe Grüße!

    • Lena
      November 20, 2016 / 3:26 pm

      Vielen lieben Dank – das hoffe ich auch! 🙂

  2. Lara
    November 17, 2016 / 8:04 pm

    Für mich war es schön zu lesen wie du damit umgehst 🙂 wie gestaltet sich denn die Beziehung zur Mutter ? Habt ihr überhaupt Kontakt?

    • Lena
      November 20, 2016 / 3:29 pm

      Ich sehe sie nur ab und zu – und ich persönlich finde das Verhältnis sehr kühl, was ich in sofern schade finde, als dass ich ja jedes Wochenende mit dem Sohn zusammen bin. Im umgekehrten Fall würde ich die Person gerne kennenlernen, die mit meinem Kind so viel Zeit verbringt, aber das ist nicht der Fall.

      Das Verhältnis zwischen Mutter und meinem Freund finde ich auch recht schwierig – aber das ist eine Sache zwischen den beiden. Sie haben sehr viel Kontakt, weil die Mutter meinen Freund über alles auf dem Laufen hält und unter der Woche Bilder schickt, was ich grundsätzlich sehr gut finde – denn so ist mein Freund immer informiert und der Sohn kriegt das ja auch mit, dass er Papa über alles Bescheid weiß. Das ist denke ich sehr wichtig, dass das Interesse da beidseitig da ist 🙂

  3. Lisa
    November 17, 2016 / 9:44 pm

    Was ein schöner und ehrlicher Post! :*

  4. Dani
    November 18, 2016 / 9:38 am

    Super toll und mutig, dass du so eine persönliche Geschichte teilst. Das ist bestimmt für sehr viele sehr hilfreich. Das Foto von Junior und dir ist mega süss <3

  5. Michaela
    November 18, 2016 / 11:29 am

    Ein sehr schöner Bericht, Lena! Freut mich sehr, das es bei euch so gut klappt und ich finde es toll, wie ihr das handhabt.

    Ich verstehe, dass das am Anfang schwer für dich war…ich hab auch jemanden kennengelernt, der bereits ein Kind hat, aber ich kann mich da leider nicht so einfach darauf einlassen…liegt aber glaube ich auch daran, dass er 8 Jahre jünger als ich ist…und das Kind erst 1 1/2…sehr schwierig!

    Liebe Grüße, Michaela

    • Lena
      November 20, 2016 / 3:30 pm

      Ja, das kann ich sehr gut nachvollziehen – je älter das Kind, desto einfacher ist die Situation, denke ich. 1 1/2 Jahre alt ist extrem schwierig, da ist dann glaube ich sehr wichtig, dass man sich mit der Person, auf die man sich einlassen will, hundertprozentig sicher ist.
      Ich finde es nämlich enorm wichtig, dass man das Kind erst dann kennenlernt, wenn man sicher ist, dass die Beziehung eine Zeit lang halten wird, einfach aus Fairness zum Kind. Es will schließlich keiner seinem Kind ständig neue Partner vorstellen müssen.

      Ich drücke dir die Daumen, dass ihr eine für dich passende Entscheidung trefft!

  6. November 19, 2016 / 9:19 am

    Wow! Toll, dass du mit der Situation so gut umgehst! Ich finde es klasse, dass du die Erziehung den Eltern überlässt aber dennoch autoritär bist, wenn das Verhalten dich/dein Wohlbefinden beeinträchtigt.
    Nicht schlecht über den anderen Elternteil zu reden finde ich super wichtig. Auch das ist sicher nicht leicht, gehört sich meiner Meinung nach jedoch absolut nicht.

    • Lena
      November 20, 2016 / 3:31 pm

      Kann ich nur so unterstreichen. Im Gegenzug hoffe ich natürlich, dass die Mutter auch nicht schlecht über mich redet 🙂

  7. November 29, 2016 / 12:05 pm

    Ich finde deinen Beitrag toll und finde es sehr schön, dass du deine Unsicherheit überwunden hast vor einer Patchworkfamilie.
    Deine Schwierigkeiten bezüglich der Grenzsetzungen kann ich dich voll und ganz verstehen. Aber ich würde wahrscheinlich doch mehr „mit erziehen“. Es ist ja so, dass du nicht nur vorübergehend da bist, sondern dauerhaft und der Junge muss wissen, dass bei dir die gleichen Regeln gelten wie beim Vater. Und da ist natürlich eine gemeinsame Linie notwendig.

    So rein hypothetisch: wenn du deinen Freund irgendwann heiraten würdest, wärst du die Stiefmutter. Wenn beide Partner am selben Strang ziehen, sehe ich nicht wirklich große Probleme.
    Und diese Regeln (Schlafenszeit, etc.) müssen auch ausgehandelt werden. Wenn ihr eventuell später auch ein Kind bekommt müssten sonst eventuell verschiedene Regeln für die jeweiligen Kinder gelten und das funktioniert nicht.

    ich weiß viele eventuell…. aber wichtig.

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